Von Rudolf Rechsteiner
- Die «Energieperspektiven 2050+» vom Bundesamt für Energie (BFE) zeigen erstmals offiziell die ungeheuren Vorteile einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien: weniger Emissionen, tiefere Kosten, weniger Importe, höhere Versorgungssicherheit. Der Bericht ist aber nicht frei von Lobby-Einflüssen und falschen Fährten. (Thread)
- Das Positive zuerst. Dank Wärmepumpen und Elektro-Fahrzeugen sinkt der absolute Energieverbrauch massiv. Nicht durch Verzicht, sondern dank Physik: die Effizienz steigt, weil die Elektrifizierung mit dreimal weniger Energie auskommt als fossil betriebene Motoren und Heizungen.
- Der Bericht spricht von Verzicht auf Atomkraft & auf fossile Energien. Endlich. Dass wir das noch erleben dürfen! Wer die Energiezukunft mit kalt duschen und hohen Kosten gleichsetzt, liegt falsch. Photovoltaik ist inzwischen sehr billig. Der Bericht spricht aber von Mehrkosten. Weshalb? Mehr dazu weiter unten. Mehrkosten sind vermeidbar.
- In den publizierten Szenarien schliessen alle Atomkraftwerke bis 2035. Realistisch. Betriebsverlängerungen über 2035 hinaus werden nicht ausgeschlossen. Aber sie sind nur mit Subventionen realistisch. Und gegen die winkt das Referendum. Atomkraftwerke sind teuer und unflexibel. Sie passen nicht in ein System mit fluktuierenden erneuerbaren Energien.
- Was zu hinterfragen ist: Der Bericht jubelt den Ausbau der Wasserkraft und der Biomasse hoch. Das passiert, weil man die hohen Kosten und die
- Ein Anstieg des Stromverbrauchs bis 2050 wird von Autorinnen richtigerweise eingeräumt. Aber unterschätzt. Das Tempo der Auto-Elektrifizierung wird eher zu niedrig veranschlagt. Und der Stromverbrauch von Lastwagen fehlt ganz, weil man «annimmt», dass diese mit Wasserstoff betrieben werden (unter Missachtung der höheren Kosten und der komplexen Logistik).
Der Bericht ist an sich gut, aber konservativ und punktuell von Lobby-Interessen geprägt. Technologischer Fortschritt wie die Verbilligung von PV und Batterien nicht einkalkuliert oder nur dort, wo er den Lobbies in den Kram passt. Beispiele.
- Batteriegetriebene Lastwagen kommen im Bericht nicht vor. Stattdessen wird Wasserstoff propagiert (viel teurer und mit komplexe Logistik). Die Erdöl- und Erdgaswirtschaft will es so.
- Strom aus Geothermie, Brennstoffzellen und CCS. Schlechte Ideen. Copy-paste von der Internationale Energieagentur, dem staatsfinanzierten Irrlicht in Paris? Die «Perspektiven» sollen kein Beschäftigungsprogramm für Akademiker mit Grössenwahn sein, auch keine Tummelwiese für arbeitslose Grossforschungseinrichtungen (ja ich meine die Atomlobby am PSI). Wir brauchen keine neuen Milliardengräber finanziert aus der Bundeskasse oder aus der CO2-Abgabe.
- Aussen vor bleiben die einfachen Lösungen, die wenig kosten. Zum Beispiel negative CO2-Emissionen mittels Pflanzenkohle wie sie die Industriellen Werke Basel (IWB) derzeit aufbauen: Holz oder Altholz wird zu Holzkohle verarbeitet und in die Erde verbracht; CO2-Senke. Neue Aufgabe für die Forstwirtschaft. Viel billiger als Abscheidung von CO2 (CCS).
- Versteckt propagiert werden Dutzende neue Wasserkraftwerke. Autsch. Wasserkraft ist bereits 95% genutzt. Soll man noch mehr Natur opfern? Das Programm funktioniert nur mit Subventionen, die viel höher liegen als zum Beispiel für Winter-Photovoltaik. Konflikte sind programmiert. Auch hier: Die einfachen Lösungen werden weiter blockiert.
Der Studienleiter (BFE-Vizedirektor Pascal Previdoli) kommt aus dem Wallis. Ebenso der Chef BFE, Benoît Revaz. Beide haben schon vor einem Monat eine neue Reservepolitik angekündigt, die planwirtschaftlich auf neue Staumauern setzt. Der Kanton Wallis publiziert wie auf Bestellung einen Wasserkraft-Ausblick … alles Zufall?
Der Ausbau der Wasserkraft wird doppelt bis viermal so teuer sein liegen Winterstrom Photovoltaik oder aus europäischer Windenergie. Warum kommen die billigen Optionen, die erst noch ökologischer sind, in den Szenarien nicht auf den Verhandlungstisch?
- Die PV-Anlage auf dem Mont Soleil liefert seit fast 30 Jahren 40% Winterstrom. Professor Heinrich Häberlin von der Hochschule Burgdorf zeigte vor 20 Jahren, dass vertikal gestellte Solarmodule an alpinen Lagen bis zu 55 Prozent Winteranteil aufweisen. stattdessen soll eine neue «Anbauschlacht Wasserkraft» beginnen, planwirtschaftlich erstellt und jeglichem Wettbewerb entzogen.
- Winter-Photovoltaik entlang von alpinen Wegen und auf Staumauern / Stauseen könnte Winterstrom zum halben Preis. Warum wird Photovoltaik im Bundesamt für Energie diskriminiert?
Zur Erklärung: DIE PV-Diskriminierung geschieht auf drei Arten. Erstens zahlen die Verteilnetzbetreiber den dezentralen Produzenten meist einen viel tieferen Rückliefertarif (zuweilen < 2 Rp/kWh) als ihren eigenen neuen Wasserkraftwerken, die sie kostendeckend den gebundene Kunden verrechnen.
- Zweitens wird bei den PV-Vergütungen (laut Gesetz: „vermiedene Kosten“) den Einsparungen durch Produktion vor Ort nicht Rechnung getragen, denn der Verteilnetzbetreiber zahlt bei Fremdbezügen Energieverluste und höhere Netzgebühren.
- Drittens will es das BFE zulassen, dass die fixen Grundpreise auf 50% der Stromtarife erhöht werden dürfen (Revision StromVG 2021). Die Wirtschaftlichkeit des Eigenverbrauchs verschlechtert sich dadurch um 10 bis 20 Prozent.
- Viertens sind die Netznutzungsgebühren nicht verursachergerecht, wenn ich Solarstrom im Verteilnetz verkaufe. Während Grossxbezüger nur jene Netzebene berappen, die sie beanspruchen, bezahl der Käufer von lokalem Solarstrom immer gleich viel, egal ob der Strom von der Nordsee oder vom Haus vis à vis kommt.
Zum Schluss ein paar Auslassungen. Der BFE-Bericht ignoriert die EU weitestgehend und spielt Landesversorgung wie anno 39-45. Das mag vielen gefallen. Aber führt zu einer Bildstörung. Brüssel finanziert 300 GW neue Windkraft im Meer. Das entspricht der Stromerzeugung von 150 AKWs Typ «Gösgen» (1000 MW). Der Wind bläst im Winterhalbjahr. Auswirkungen: billige Winterstrom-überschüsse zuhauf im Winterhalbjahr. Schlussfolgerung daraus: die bestehenden Speicher- und Pumpspeicherwerke reichen längst. Ebenso fehlt eine Batterien-Perspektive. Wenn wir in CH 3,6 Millionen Elektro-Fahrzeuge haben, entspricht deren Batterien-Leistung dem Hundertfachen aller CH-Wasserkraftwerke. In jedem Haus Schweiz könnte danach eine alte Batterie («second life») stehen zur Pufferung von Photovoltaik und Ladestationen, Kosten nahe null. Erübrigt neue Speicherkraftwerke gleich nochmals.
Und noch etwas: ich bin nicht gegen Wasserkraft. Ganz im Gegenteil. Ich bin dafür, dass bestehende Wasserkraftwerke für Renovationen eine gleitende Marktprämie erhalten, wie es auch Axpo und Alpiq fordern. Auch eine Aufstockung von Staumauern finde ich sinnvoll von Fall zu Fall. Aber ich wehre mich gegen die Privilegien der Wasserkraft. Die exklusive Befreiung der Pumpspeicherwerke von den Netznutzungsgebühren. Die Vernachlässigung der Restwassermengen. Und ich bevorzuge Photovoltaik, wenn sie billiger ist und auf landschaftliche Eingriffe verzichtet, also an all den aperen Lärmschutzwänden, Lawinenverbauungen, Staumauern, an Leitplanken, Fassaden, auf Stauseen, an Kuhzäunen und Strassenbauten. Fassadenstrom ist sowieso höherwertig als Solarstrom von Schrägdächern. Der Winteranteil ist viel höher. Statt neue Staumauern lieber Fassaden-PV. Und die Wasserzinsen sollten wir nicht senken. Die finde ich gerecht.
Zur Brennstoffzelle (englisch Fuel cell). Elon Musk spricht von «Fool cell». Die Herstellung von Wasserstoff und die Rückkonvertierung zu Elektrizität ist physikalisch ein Murks. Sie rechtfertigt sich nur für «einmalige Verwendungen», zum Beispiel Langzeitspeicher für den kältesten Wintertag. Aus physikalischen Gründen wird sie teuer bleiben im vergleich mit Windstromimporten
- sie wird durch die elekt Elektrische Lastwagen kommen nicht vor.
Stromerzeugung aus Geothermie. Das untote Millionengrab soll zum Milliardengrab werden. wir brauchen diese Technik nicht. Erdsonden tun’s auch. Strom aus Wind und Sonne ist zehnmal billiger.



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