Energiestrategie 2050 (copy 2)


Aktuell

2026 beginnt mit einer Revolution Feststoffbatterien und digitale Verteilnetze werden Stromversorgung verändern

Das Jahr 2026 beginnt mit zwei heftigen Innovationen, erst seit wenigen Tagen bekannt. Sie läuten die Ära der digitalisierten Netze ein; sie werden das bisherige synchrone System von Erzeugung und Verbrauch in grossen Teilen ersetzen: 

  • Die Anfang Januar in Las Vegas vorgestellte Feststoffbatterie «Donut», billig, sauber, doppelt so effizient (kWh/kg) und in fünf Minuten auf 100% beladen (12 C).
  • Das in Lund (Schweden) getestete, digitale Verteilnetz, das Strom neu wie die Daten im Internet in Paketen (zeitlich gepuffert) transportiert und das synchrone Gesamtsystem von Erzeugung und Lieferung modular aufbricht.

Fachexperten begegnen den Ankündigungen mit Misstrauen. Meine Meinung: Kein Fake, dies alles wird wegen Kostenvorteilen rasch Einzug halten, und dies parallel.

Man muss die beiden Innovationen zusammen denken. Der digitale Netzbetrieb von Jonas Birgersson aus Lund ist eine neue Art, Arealnetze (Micro-Grids) und Verteilnetze zu betreiben. Ein «gepufferter Betrieb» hält Einzug, gesteuert von einem elektronischen Protokoll. Birgersson hat vor dreissig Jahren den gepufferten Datentransport für das Internet erfunden, kein Anfänger. Die Einführung von Wifi ermöglichte die pauschale Abrechnung von Transportleistung, wir erleben das auf dem Handy (MB/Monat) anstelle der Dauer-Anbindung an Mainframe-Computer.

Neu werden Batterien das Herz der Stromversorgung sein. Es braucht keine riesigen Batterien. Schon das Vorhalten von 5 kWh Energie pro Haushalt (Kosten ca. 1000 CHF) kann eine Entkoppelung von Erzeugung und Verbrauch im Tagesverlauf herbeiführen. Dadurch steigt die Auslastung der Netze massiv. Netze, bisher auf maximale Last ausgerichtet, müssen neu nur noch durchschnittliche Energiemengen (inkl. Reserve) bewirtschaften.

Das ist nichts anderes als eine technologische Revolution. Die Art und Weise wie wir Strom kaufen und verbrauchen wird grundlegend verändert. Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet dies:

  1. Netzgebühren werden neu pauschal (CHF/kW) erhoben statt nach Verbrauch (CHF/kWh). Man mietet ein Stromkabel oder einen Kabelanteil wie ein Internet-Kabel nach (durchschnittlich) benötigter Leistung und nicht nach maximaler Last. Verteilnetzbetreiber werden Kabelvermieter, wie die Internet-Kabelbetreiber. Ihr Monopol bleibt im öffentlichen Bereich ein Monopol, weil die Stromverluste beim Transport nach wie vor hoch sind (>5%), aber dezentral entstehen parzellenübergreifende Arealnetze, die den Strom selbständig einkaufen und zum Zeitpunkt beziehen, wo er am billigsten ist oder selber erzeugen.
  2. Haushalte werden im neuen System Teil eines Micro-Grids mit Batterie (ZEVs, LEGs); das kann ein einziges Haus sein, ein Mehrfamilienhaus oder ein ganzes Quartier. Abgerechnet wird elektronisch, die Batterie besorgt die Vorhaltung von Leistung und Energie, bewirtschaftet Lastspitzen und -Täler. Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich um nichts kümmern.
  3. Stromlieferungen ans Arealnetz erfolgen zum Zeitpunkt, wenn Strom und Netzkapazität reichlich vorhanden sind; Bezüge werden tageszeitlich optimiert. Wind- und Solarspitzen werden in Batterien versorgt, kurze Leistungs- und Lastspitzen dezentral geglättet.
  4. Die Innovationen wachsen bottom up; Netzbetreiber können dies nicht blockieren, so wie sie die Erneuerbaren lange blockiert haben. Die Regulierung in der EU lässt Stromlieferungen unter Privaten zu, auch die Schweiz hat mit ZEV und LEG die ersten Schritte getan.
  5. Die Netzbetreiber rutschen in eine subsidiäre Rolle; sie bleiben aber nötig und nützlich für die überregionale Beschaffung, für den Austausch unter den Arealnetzen und als «Stromversicherung», wobei die Backups – Batterien und Pumpspeicherwerke - sowohl zentral als auch dezentral für Sicherheit sorgen werden.
  6. Eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien (zentral und dezentral) wird Einzug halten. Es entstehen zwei unterschiedliche Märkte: Erstens der bisherige Grosshandel mit relativ hohen Netzgebühren und internationalem Verbund; zweitens die dezentralen Arealnetze als Marktplatz für Strombezüge, Eigenproduktion, Speicher und Eigenverbrauch. Letztere werden «bottom up» in konzentrischen Kreisen wachsen, ausgehend von kleinen und mittleren Arealnetzen, die als modulares System Strom asynchron beziehen oder erzeugen und die Endverbraucher beliefern.
  7. Wichtige Träger werden die private Immobilienwirtschaft und das Gewerbe sein. Eigenproduktion, Speicher, Eigenverbrauch und Bezugsoptimierung werden Teil des Mietvertrags. Sie werden auf dynamische Netzgebühren drängen, sind politisch einflussreich und verfügen über Liquidität.  

 

Ich habe das Transkript des «Volts»-Blogs «Making the electricity grid work like the internet» auf Deutsch übersetzt  (Link).

Angaben zur neuen Feststoffbatterie:

 

Ein Kommentar zu den neuen Energieperspektiven 2050+ (2020)

Von Rudolf Rechsteiner

 

  1. Die «Energieperspektiven 2050+» vom Bundesamt für Energie (BFE) zeigen erstmals offiziell die ungeheuren Vorteile einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien: weniger Emissionen, tiefere Kosten, weniger Importe, höhere Versorgungssicherheit. Der Bericht ist aber nicht frei von Lobby-Einflüssen und falschen Fährten. (Thread)
     
  2. Das Positive zuerst. Dank Wärmepumpen und Elektro-Fahrzeugen sinkt der absolute Energieverbrauch massiv. Nicht durch Verzicht, sondern dank Physik: die Effizienz steigt, weil die Elektrifizierung mit dreimal weniger Energie auskommt als fossil betriebene Motoren und Heizungen.
     
  3. Der Bericht spricht von Verzicht auf Atomkraft & auf fossile Energien. Endlich. Dass wir das noch erleben dürfen! Wer die Energiezukunft mit kalt duschen und hohen Kosten gleichsetzt, liegt falsch. Photovoltaik ist inzwischen sehr billig. Der Bericht spricht aber von Mehrkosten. Weshalb?  Mehrkosten sind vermeidbar.
  4. Das Thema Batterien fehtl. sie werden die Art und Weise wie wir Strom erzeugen und verbrauchen radikal verändern.

Zwischenbilanz beim Ausbau neuer erneuerbarer Energien

Im Mai 2017 haben die Stimmberechtigten der Energiestrategie 2050 zugestimmt, die unter anderem vorsieht, die Stromproduktion der Atomkraftwerke durch Strom aus neuen erneuerbaren Energien zu ersetzen oder mit Effizienzmassnahmen wettzumachen.

Die vorliegende Studie analysiert die Umsetzung der Massnahmen im Energiegesetz. Die Resultate zeigen:

  • 2018 sind die Einnahmen aus dem Netzzuschlag um 410 Mio. CHF auf 1,14 Mrd. CHF angestiegen. Dennoch hat sich der Ausbau der erneuerbaren Energien abgeschwächt und wuchs nur um 7,2% gegenüber dem Vorjahr. Das ist die tiefste Wachstumsrate seit Beginn der Einspeisevergütungen (2009).
  • Die Entwicklung verlief nach Technologie unterschiedlich: Die Inbetriebnahme von neuen Kapazitäten mit Wasserkraft, Windenergie und Biomasse stagnierte oder entwickelte sich gar rückläufig.
  • Bei der Photovoltaik wurde der Abbau der Warteliste beschleunigt. Dies führte aber nicht zu einem starken Schub bei den Neuinstallationen, da zuerst alte Gesuche von Anlagen, deren Inbetriebnahme vor vielen Jahren stattfand, abgerechnet werden mussten. Die PV-Neuinstallationen beliefen sich 2018 bloss auf 265 MW (+9% im Vergleich zum Vorjahr).

In diesem Tempo werden die Ziele der Energiestrategie 2050 und erst recht die Klimaziele des Bundesrates verfehlt. Der bisher hohe Eigenversorgungsgrad der Schweiz wird ohne verbesserte Massnahmen absinken, denn zusätzlich zum Ersatz der Atomkraftwerke zeichnet sich ein erheblicher Stromzusatzbedarf für die Dekarbonisierung im Mobilitäts- und Gebäudebereich ab.

Gemessen an den Kosten lieferte die Photovoltaik 2018 den effizientesten Ausbaupfad. Bei grossen Anlagen liegen die Potenziale aber weitgehend brach, obwohl die Gestehungskosten hier mittels Ausschreibungen für Marktprämien anstelle der Einmalvergütung stark gesenkt werden könnten, wie unzählige Beispiele im Ausland illustrieren. Dies führt zu einer «Effizienzlücke»: Ausgerechnet für kostengünstige, grosse Anlagen ohne Eigenverbrauch – also für den billigsten neuen Strom unter allen neuen Technologien – gibt es in der Schweiz keine hinreichenden Rahmenbedingungen, die eine wettbewerbsfähige Erzeugung im Vergleich mit dem angrenzenden Ausland ermöglichen würde. Dasselbe gilt für die Stromerzeugung im Winterhalbjahr: Sie könnte mittels Photovoltaik stark erhöht werden – und dies günstiger als mit neuer Wasserkraft, aber es fehlen die Anreize dafür.

Denkbar ist, für Anlagen an bestimmten Standorten einen «Solarzins» einzuführen. Das Erfolgsmodell Wasserkraft, bei der Standortkantone/-gemeinden an den Erträgen beteiligt sind, kann für die Photovoltaik als Vorbild dienen. Ein Solarzins könnte die Verabschiedung von Richtplänen beschleunigen.

Ein Stau besteht auch bei «normalen» Dachanlagen. Administrative Hürdenverlangsamen den Ausbau:

  • Bildung von hohen Reserven im Netzzuschlagsfonds anstelle einer höheren PV-Finanzierung.
  • Fokus auf Einmalvergütungen mit Eigenverbrauch und dadurch geringe Anreize für günstige Grossanlagen.
  • Hohe Bewilligungshürden und fehlender Zugang zu Stellflächen auf bestehenden Infrastrukturen, zum Beispiel entlang von Verkehrswegen.

Mit einfachen Praxisänderungen könnte der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt werden:

  • Senkung der Wartefristen für PV-Einmalvergütungen auf unter 3 Monate nach Einreichung der Gesuche.
  • Verzicht auf weitere Kürzungen der Vergütungssätze.
  • Ergänzung der Einmalvergütung durch Spezialtarife a) für Grossanlagen ohne Eigenverbrauch (bis zur Einführung von Ausschreibungen), b) für Anlagen mit gedrosselter Netzeinspeisung dank Speichern, c) für Anlagen mit hohem Winter-Anteil.
  • Inventarisierung und unbürokratische Nutzbarmachung von Stellflächen in öffentlicher Hand, Richtpläne.

Dieser Bericht enthält auch Vorschläge für ein neues Strommarktdesign für die Zeit ab 2023. Dazu zählt die Einführung von Ausschreibungen für Marktprämien für neue Wasserkraftwerke und für PV-Anlagen an Standorten, wo kein hinreichender Eigenverbrauch gegeben ist. Für kleine und grosse PV-Anlagen mit Einmalvergütung kann eine verursachergerechte Revision (Reduktion) der Netzgebühren für Einund Ausspeisungen auf Netzebene 7 (Verteilnetz) die wirtschaftliche Situation wesentlich verbessern.

Making the electricity grid work like the internet